In meiner freien Zeit arbeite ich gerne an kleinen Software-Projekten. Wenn ich ein neues tolles OpenSource-Projekt finde, oder eine Produktivitäts-App, probiere ich diese direkt neugierig und begeistert aus. Ich setze gerne eine Webseite oder einen Blog auf, oder setzte kleine Programmierprojekte auf. Da ich bisher bei Hobby-Projekten teilweise unverhältnismäßig viel Energie investiert habe, habe ich in diesem Artikel zusammengefasst, welche Strategien ich inzwischen anwende, um mehr Wirkung zu entfalten.

Vergessene Projekte

Gerade bei Projekten, die ich in meiner Freizeit verfolge, ist es schade wenn diese keine Wirkung entfalten. Denn welchen Sinn macht es, mehrere Monate Arbeit in ein Projekt zu stecken, von dem nie jemand erfahren wird? Da wäre es doch sinnvoller gewesen, die Zeit mit der Familie oder mit anderen Freizeittätigkeiten zu verbringen. Ich habe gleich zwei solcher Software-Projekte in der Vergangenheit gestartet und schon (fast) wieder vergessen.

Die Traumcollage

Vom Dezember 2017 bis August 2018, also neun Monate lang habe ich an einer WebApp zur Persönlichkeitsentwicklung gearbeitet. Das Ziel der App war es, Traum-Collagen erstellen zu können und diese mit Aufgaben und Gewohnheiten zu verknüpfen. Dies sollte das Erreichen meiner Ziele vereinfachen, da große Ziele und Wünsche in konkrete erreichbare Aufgaben herunter gebrochen werden konnten und mit Gewohnheiten unterstützt werden konnten. Das Projekt war zwar öffentlich im Internet erreichbar - dadurch, dass ich aber nur mit einer einzigen Person darüber gesprochen habe, hat dieses Projekt keinen Wert geschaffen. Möglicherweise hätte es Leute gegeben, die es gerne verwendet hätten! Diese haben aber nie davon erfahren. Nach einiger Zeit habe ich selbst das Interesse langsam wieder verloren.

Das Projekt habe ich nie wirklich offiziell beendet, ich habe zuletzt nur die Domains auslaufen lassen, da diese jährlich Geld kosten.

Das persönliche Gesundheits-Dashboard

Genau dasselbe Schicksal hat ein anderes Projekt erlitten, bei dem ich im Januar 2017 in Folge der Neujahrsvorsätze einen Monat lang daran gearbeitet habe, um ein erweitertes Apple Health zu bauen. Der Nutzen sollte darin liegen, neben angestrebten Wettkampfzeiten auch Routine Check-Ups wie zum Beispiel die nächste Zahnprophylaxe im Blick zu behalten. Von diesem Projekt hat niemand erfahren, nicht einmal meine Frau. Es wäre noch weitere Arbeit notwendig gewesen, die echten Datenquellen anzubinden. Ein manuelles Update des Dashboards ist zu mühsam, um einen Nutzen für den Alltag zu schaffen. Ich habe mir inzwischen vorgenommen, nie wieder eine App zu schreiben, wenn eine Breite Nutzer-Basis das Konzept nicht bestätigt hat.

Was ich daraus gelernt habe

Was würde ich heute anders machen? Ich würde zunächst noch mal viel intensiver auf die Suche gehen, ob es nicht bereits ein fertiges Produkt gibt, dass ich verwenden kann. Bezüglich Zielerreichung habe ich zum Beispiel eine App von einem Japaner Namens Yuya Uzu gefunden, die ziemlich genau das selbe tut wie mein Projekt zur Traum-Collage. Das Projekt nennt sich GoalMap:

GoalMap
Goal & habit tracking app that help you achieve your personal goals.

Beim nächsten Projekt werde ich die Idee mit viel mehr Leuten besprechen, um zu verstehen, ob es dafür einen Bedarf gibt. Für mich persönlich könnte ich meine Traum-Collage schließlich auch zur Not auf einem Din A3-Blatt gestalten. Der Aufwand eine App dafür zu schreiben lohnt sich erst bei vielen tatsächlichen Nutzern.

Als drittes habe ich mir vorgenommen, den ersten Prototypen direkt zu veröffentlichen und dafür so viel für Feedback wie möglich einholen. Ebenso würde ich versuchen, diesen Prototypen so gut wie möglich in meinem eigenen Leben zu verankern. Damit wäre zumindest schon einmal der Mehrwert für mich selbst sichergestellt.

Mein größter Fehler bisher war das fehlende Marketing - wenn keiner das Projekt kennt, kann es auch keine Nutzer dafür geben. Und damit auch keine Wirkung. Wenn ein Projekt nicht so läuft, wie ich es mir für meine Freizeitgestaltung vorstelle, werde ich es in Zukunft auch wieder offiziell einstellen.

Mein aktuelles Projekt

Mein aktuelles Projekt ist die Speisekammer App. Da arbeite ich neben der Entwicklung auch am Marketing - daran, die App bekannt zu machen und die Wünsche der Nutzer zu erfassen. Meine Frau unterstützt fleißig mit Social Media und Support-Tätigkeiten. Geschätzt fließen etwa 50% unserer Zeit in Entwicklung, 30% in Marketing und 20% in Support. Das ist schon deutlich besser gegenüber meinen Vorgängerprojekten, auch wenn namhafte Größen wie Harv Eker oder Gary Vaynerchuk empfehlen noch mehr Zeit ins Marketing zu investieren: Mindestens die Hälfte der Zeit. Das war ich als Entwickler überhaupt nicht gewohnt!

Organisiere deine Vorratskammer
Eine gut organisierte Speisekammer hilft Verschwendung zu reduzieren, Geld zu sparen, vereinfacht Einkäufe und lässt Kochen mit der Familie zur Freude werden!

Wertschöpfung - in welche Richtung soll sich deine Wirkung richten?

Aktuell ergibt sich für mich folgende Frage: Aktuell können alle Nutzer die Speisekammer App kostenlos verwenden und wünschen sich fleißig Erweiterungen. Im Portal Indie Hackers wird jedoch empfohlen, nur Erweiterungen umzusetzen, die von zahlenden Nutzern stammen. Die Wünsche von Nutzern, die nichts bezahlen wollen, erzeugen nicht zwingend mehr Wert. Wenn man stattdessen ausschließlich Erweiterungswünsche von zahlenden Nutzern umsetzt, also der Nutzer, die in der App einen echten Mehrwert sehen, schafft man damit, den Wert der App noch weiter zu steigern.
Auch wenn ich die Monetarisierung der App aus finanziellen Gründen noch nicht nötig habe, da die Nutzerbasis noch klein ist und die Serverkosten gering, bin ich echt neugierig, ob sich die Wünsche der zahlenden Nutzern von denen der freien Nutzer unterscheiden. Deshalb werde ich demnächst ein PayPal Abo einbauen und die Erweiterungswünsche der zahlenden Kunden separat erfassen.

Indie Hackers: Work Together to Build Profitable Online Businesses
Connect with developers who are sharing the strategies and revenue numbers behind their companies and side projects.

Wirksamkeit steigern durch Outsourcing

In 2018 hatte ich den Versuch gestartet, Freelancer von Freelancer.com für 10-15€/h zu beschäftigen, nachdem ich diesen Tipp aus einem Buch hatte. Da ich nur Entwicklungstätigkeiten hatte, wollte ich diese vergeben. Dadurch, dass es kleine Umfänge waren, mussten diese im Detail beschrieben werden. Durch die Überweisung eines Geldbetrages als Meilenstein, der freigegeben wird sobald die Aufgabe erledigt ist, lässt sich so einmal kurzfristig Motivation herstellen. Da der Entwickler die Vision und den größeren Zusammenhang jedoch nicht gekannt hat und vermutlich auch nicht geteilt hätte, hat er sich bei der Lösung Schritt für Schritt an meine Beschreibung gehalten. Da meine Beschreibung nicht perfekt war, hat die Lösung deshalb lange nicht alle Fälle abgedeckt, die in der Realität auftraten. Formal war der Vertrag erfüllt und ich musste den Meilenstein freigeben und bezahlen -  obwohl die Lösung nicht Praxis tauglich war. So habe ich meine Zeit, mein Geld und die Zeit des Entwicklers unnötig beansprucht.

Andere mit auf die Reise nehmen

Jetzt mache ich wieder so gut wie alles selbst. Aufgrund unserem direkten Draht zu den Nutzern habe ich inzwischen sogar Mitstreiter gefunden, die sich bereit erklärt haben bei der App mitzuhelfen. Der Grund ist aus meiner Sicht, dass sie die Vision und das Ziel teilen, das hinter der App steht: Möglichst vielen Nutzern weltweit zu helfen, ihre Speisekammer zu organisieren und weniger Lebensmittel wegzuwerfen.

Ein anderer Aspekt, wie ich geschafft habe mehr Wirksamkeit zu erzielen, ist die Erhöhung der Flughöhe, auf der Ziele formuliert werden.

Und weil sie die Vision teilen, ist so gut wie keine Abstimmung notwendig. Wenn ich noch einmal einen Freelancer beschäftigen muss, werde ich ein größeres Paket schnüren und vor Beginn sicherstellen, dass er oder sie meine Vision teilt, so dass er/sie einerseits den Kontext kennt und andererseits auch eigene Ideen einbringen kann.

Geheimniskrämerei als Hemmnis

Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich Personen, die Angst davor haben, dass ihre Idee oder ihr Projekt geklaut wird.

Die Angst vor dem Ideendiebstahl

Ich habe schon mit Bekannten gesprochen, die ein sehr großes Geheimnis aus ihrer aktuellen Geschäftsidee gemacht haben. Aus der Angst heraus, dass die Idee einzigartig und neu ist und sofort geklaut wird, wenn man nur darüber spricht.

Ich halte es genau andersherum, ich rede inzwischen über meine Ideen, um sicherzustellen, dass ich nicht auf dem falschen Dampfer bin. Erst wenn eine Idee von verschiedensten Leuten bestätigt wird, ist sie doch richtig gut. Vorher besteht die Gefahr, viel zu viel Energie in die falsche Richtung zu lenken. Ich habe keine Angst davor, dass meine Idee geklaut wird. Immerhin ist nicht die Idee das wertvolle, sondern deren Ausführung!

In den neunziger Jahren hatten die Mobiltelefone noch keine integrierte Taschenlampe, da auch noch keine Kamera und kein Blitz integriert war. Als schließlich die ersten Handys mit Taschenlampe auf den Markt kamen, hat sich mein Onkel zugleich geärgert und war dennoch stolz: "Handys mit einer Taschenlampe auszustatten, genau das war meine Idee schon vor fünf Jahren!"
Er hatte aus seiner Idee nichts gemacht, denn er hatte sie für sich behalten. Er hatte bestimmt viele gute Ideen, und wenn er eine davon umgesetzt hätte, wäre er wahrscheinlich ein bekannter Erfinder geworden!

Ich persönlich glaube daran, dass die Zeit für eine Idee irgendwann reif ist, und dann sowieso innerhalb kurzer Zeit mehrere Leute auf dieselbe Idee kommen. Es hilft dann nur, diese konsequent und mutig umzusetzen! Eine Idee alleine ist wertlos.

Ideen sind wertlos, die Umsetzung ist alles. - Scott Adams

Hilfe, wird mein Projekt geklaut?

Eine andere potentielle Gefahr ist der Diebstahl des Quelltextes, sobald ein zweiter Entwickler mit ins Projekt kommt. Ein Kollege meinte einmal zu mir, er wird keine Umfänge vergeben, weil er zu viel Angst davor hat, dass ein freier Mitarbeiter das Projekt unter seinem eigenen Namen veröffentlicht – nachdem er den Quelltext geklaut hat.

Ich war am Anfang diesbezüglich auch skeptisch - bin inzwischen aber anders unterwegs. Wenn mir selbst das Projekt zu groß wird, und ich auf die Hilfe anderer angewiesen bin, muss ich diesen vertrauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand hintergeht und den Quelltext klaut, schätze ich als viel geringer ein, als das Risiko, dass das Projekt einschläft und in der Versenkung verschwindet, wenn ich es alleine nicht bewältigen kann. Diese beträgt die nämlich nahezu 100%. Zudem steckt der Wert eines Unternehmens nicht nur im Quelltext – der Betrieb, die Nutzerbasis, das Marketingkonzept und die Marke stellen ab einer bestimmten Größe im Summe sicherlich den größeren Teil des Wertes dar.

Zusammenfassung

Zusammenfassend für berufliche oder private Projekte kann ich nur raten: Komme von Nachdenken ins Handeln, und vom Handeln heraus in den Austausch mit anderen! Kurz gesagt: Tue Gutes und rede darüber.

Beschränke die Anzahl der gleichzeitig bearbeiteten Aufgaben. In einem Kanban-Board lässt sich sogar extra festlegen, dass maximal drei oder fünf Aufgaben gleichzeitig bearbeitet werden sollen. Da ich selbst dazu tendiere, alle möglichen Aufgaben zu beginnen oder liegen zu lassen, weiß ich den Wert daran zu schätzen.

Komme von Nachdenken ins Handeln, und vom Handeln heraus in den Austausch mit anderen! Kurz gesagt: Tue Gutes und rede darüber.

Konzentriere dich auf eine Sache und schließe sie so weit ab, damit sie Wirkung entfalten kann. Das heißt, dass andere Leute sie gewinnbringend nutzen können und Feedback geben können. Wenn man bei einer Aufgabe bleibt bis sie abgeschlossen ist, hat man deutlich weniger Kontextwechsel, und man kommt schneller zu einer brauchbaren Lösung. Die damit oftmals verbundene Effizienzsteigerung kann nun helfen, weitere Aufgaben schneller zu bewältigen. Ein weiterer positiver psychologischer Aspekt ist, dass man auf einer Welle von gelösten Aufgaben surft, statt in einem Meer von angefangenen und ungelösten Problemen zu schwimmen. Einzige Voraussetzung ist, dass man diszipliniert genug ist, die Dinge zu Ende zu bringen. Wenn du Feedback von anderen erhalten hast, kannst du dich immer noch Entscheiden, ob du das Projekt weiterführst oder beenden möchtest.

Quintessenz des Artikels in 10 Punkten:

  1. Nimm dir genug Zeit um nach fertigen Lösungen zu suchen, anstatt selbst etwas vermeintlich Neues zu bauen.
  2. Sprich mit Anderen über deine Ideen. Besteht bei Anderen auch ein Bedarf?
  3. Komme vom Nachdenken ins Handeln!
  4. Beginne genau dann mit einer Aufgabe, wenn du am meisten Energie dafür hast.
  5. Bearbeite zuerst die Aufgabe, von der du dir am meisten Mehrwert für dich, dein Projekt oder deine Kunden versprichst.
  6. Bearbeite möglichst wenige Aufgaben zur selben Zeit und bleibe so lange an einer Aufgabe, bis sie abgeschlossen ist.
  7. Hole dir Hilfe, wenn du alleine nicht weiterkommst!
  8. Nutze deine Lösungen selbst, und baue sie nicht nur für andere.
  9. Präsentiere und veröffentliche deine Lösungen zeitnah, um Feedback von den Personen zu erhalten, für die du einen Mehrwert schaffen möchtest.
  10. Beende ein Projekt offiziell, wenn es nicht so läuft wie gedacht, um Raum für neues zu schaffen.

Hast du Fragen oder weitere Tipps, um die Wirksamkeit zu steigern? Ich freue mich über eure Kommentare!